Sommergewitter

Von der Terrasse des Hotels kann man die schwarzen Wolken beobachten, die sich nähern. Sie sind es, die ein Sommergewitter ankündigen. Zuerst nehmen es nur die Augen wahr, dann – plötzlich – alle Sinne. Erste Donnerschläge sind die akustischen Vorboten des Gewitters. Auf der Haut spürt man es, wenn der Wind auffrischt, und die Feuchtigkeit, die er mit sich führt, kann man auch riechen.

Es ist, als würde der Körper alles bewusster wahrnehmen, weil das Gewitter Gefahr bedeutet und signalisiert: suche Schutz! Wir, die wir in den Bergen leben, kennen das, wir wissen, was es heißt, draußen oder noch schlimmer: oben von einem Gewitter überrascht zu werden. Umso mehr schätzt man den Schutz, den das Hotel bietet. So kann man die Vorboten des Naturspektakels angstfrei genießen: die Elektrizität in der Luft und den Zweifel, ob das Gewitter direkt über einen hinwegzieht oder doch noch im letzten Moment einen Schlenker einlegt.

Die alten Bauern bei uns im Dorf kennen diesen Zweifel nicht. Ihr Kennerblick geht in den Himmel und schon wissen sie, ob ihren Kulturen Gefahr droht oder nicht. Das lernt man wohl, wenn die eigene Existenz davon abhängt.

Davon ist bei uns zum Glück keine Rede, denke ich, während ich amüsiert den Gästen zuschaue, die im Garten eilig ihre Siebensachen zusammenpacken und ins Hotel flüchten. Nur ein paar wenige sind die Ruhe selbst. Es sind die, die ein Gewitter mit allen Sinnen genießen wollen, wie ich es tue.

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Dieses hier zieht nicht an uns vorbei, es trifft uns mit voller Stärke. Zum Glück bin ich schon im Haus, als die ersten Tropfen fallen. Durch die Panoramafenster sehe ich, dass es enorme Tropfen sind, die die Blätter der Palmen biegen, wild aufspritzend auf den Asphalt klatschen und laut auf das Dach trommeln. Blitze zucken herab, den Donner spürt man sogar in den Fußsohlen.

Und dann ist es vorbei, so plötzlich wie es gekommen ist. Was bleibt, ist eine saubere Luft, die Hitze ist gebrochen und unser Puls normalisiert sich wieder. Aber brauchen wir das nicht? Brauchen wir nicht immer wieder etwas, was uns aus der Komfortzone holt, was die Routine des Alltags unterbricht? Und brauchen wir nicht auch hin und wieder eine Pause von all dem Gerenne, auch wenn es eine ist, die uns aufgezwungen wird? Um das Leben genießen zu können, uns an den Kleinigkeiten zu erfreuen, das Gewöhnliche zu genießen?

Und ist ein solches Gewitter nicht auch Sinnbild dafür, dass die Natur – wie wir Menschen – sich immer mal wieder entladen muss? Die Natur tut das mit Blitz und Donner, wir mit Ärger und dem einen oder anderen Ausbruch, der wie ein Sicherheitsventil wirkt, um den Dampfkessel unserer Seele nicht zu sehr unter Druck geraten zu lassen. Dampf ablassen ist notwendig, aber darf nicht zum Regelfall werden. Oder wie würde die Natur aussehen, wenn das Gewitter zum Normalfall würde?

Ein Gewitter zieht vorbei, unser Ärger auch. Und so ist die Sonne, die da hinter den Gewitterwolken herausschaut, für mich ein Zeichen dafür, dass die Natur wieder mit sich im Reinen ist und wieder ihren gewohnten Gang geht. Ein bisschen leichter, ein bisschen reiner, ein bisschen milder.

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